Der Irrgarten

»Gedanken wollen oft - wie Kinder und Hunde -, daß man mit ihnen im Freien spazieren geht.«    Christian Morgenstern

»Zufall ist vielleicht das Pseudonym Gottes, wenn er nicht selbst unterschreiben will.«    Anatole France

 

1.1Dies ist ein unwahrscheinlicher Ort. Es bedürfte wohl nicht der Erklärung diese Ausdruckweise, könnte der Leser einen Gang durch den sogenannten Irrgarten tun, der ohne Worte überzeugt. Diesen Gang kann man hier leider nicht tun, also bleibt zweierlei: Doch eine Beschreibung der teilweise etwas verstiegenen Ideen und ungewöhnliche Prozesse, die zu seiner Entstehung führten und einen fiktiver Spaziergang durch den Irrgarten.

2Der Ursprung ist ein Tennisplatz, der zu einer Anlage, die um die Jahrhundertwende entstand, gehörte. Ein weitläufiger parkartiger Garten, mit ausladenden Bäumen und zahlreichen Büschen und von einem Bach durchzogen. Ursprünglich befand sich der Tennisplatz im vorderen Teil des Gartens, allerdings war es dort zu eng für einen Platz mit den korrekten Maßen. Auch war er zu präsent und so wurde er weiter nach hinten -wo er besser hinpasste- verlegt, das war in den frühen siebziger Jahren. Es wurde dieses Mal also ein mustergültiger Tennisplatz angelegt, mit einem Bett aus Pottasche und darüber roter, gewalzter Ziegelsand. Dieser zweite Platz wurde zunächst viel genutzt, es wurden sogar Turniere gespielt, aber dann nach einigen Jahren immer seltener und schließlich kaum noch. In einem Frühjahr dann Anfang der 90er, machte sich niemand mehr die Mühe die Planken wegzuräumen, die im Winter auf die weißen Linien gelegt worden waren um zu verhindern, daß diese vom Frost aus dem roten Sand, hochgedrückt werden würden. Es wurde auch kein Unkraut mehr entfernt. Es wurde schlichtweg nichts mehr dort getan und das einige Jahre lang.Ein Jammer könnte man meinen, so schön gelegen dieser Platz, umgeben von all den Bäumen. All die Bäume und Büsche warfen Jahr für Jahr ihre Samen ab, die von dem Wind über den alten Tennisplatz geweht wurden. 

3Auf dem kahlen Sandboden fanden sie erst keinen Halt, wohl aber an den Planken an denen sie liegen blieben und keimten. Und so begannen sie zu wachsen, entlang der Planken und an den Rändern und wurden nicht daran gehindert. Nach 7 Jahren war schon eine deutliche Struktur zu erkennen, überall wo früher die Linien das Tennisspiel reglementiert hatten, wuchsen durchbrochene Wände von Weiden, Faulbaum Erlen und anderen Baumarten. Manche Bäumchen waren schon über einen Meter groß, manche gerade mal Keimlinge. All das wuchs besonders gut auf dem fruchtbaren Bett aus Ziegelmehl - also Lehm- und Pottasche. Nicht so allerdings die üblichen Sieger der Brachfläche, die oftmals andere Pflanzen verdrängen, wie Gras, Brennnessel und Himbeere, - das war gleichermaßen erstaunlich wie existenziell.

 

4Ungefähr im selben Zeitraum kam der Gedanke auf, eine Freiluftgalerie in Form eines Irrgartens anzulegen. Eine fixe Idee, denn unglaublich aufwendig und teuer, sozusagen undenkbar. Mit der Zeit aber, wurde das Potenzial des alten Tennisplatz für eine solche Idee unübersehbar. Er hatte sich gewissermaßen von selber zu einem Irrgarten oder dem Vorläufer eins solchen gewandelt. 

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Es ist schöner, ein Irrgarten zu sein, als ein Tennisplatz. Als diese Möglichkeit endlich erkannt wurde, folgte die Umsetzung umgehend. Es gab im Irrgarten noch ein paar Stellen, wo die Entscheidung `Wand oder Durchgang`, getroffen werden mußte, aber alles in allem war der Anfang schnell und leicht gemacht. Seither wird der Irrgarten regelmäßig gepflegt und so hat er sich in diesen 15 Jahren eindrucksvoll entwickelt. Die Wände und Kronen werden mit der Heckenschere geschnitten und die Wege gemäht. Ab und an findet eine Ausstellung statt, man kann Besucher durch die Gänge wandeln und gleichermaßen Kunst und Natur bestaunen sehen, sowie deren Symbiose.

 

67Von Weitem macht der Irrgarten den Eindruck eines schwer zähmbaren Wesens; nur gerade so schafft es der vom Tennisplatz übriggebliebene Zaun ihn im Zaum zu halten. Tritt man ein, herrsch ein anderer Eindruck vor. Zwar nimmt man das ausschweifende Wachstum der Natur hier drinnen wahr, aber es hat auch etwas traumhaftes, gedämpftes. Das liegt auch an dem Boden, er ist an den meisten Stellen mit einem Moos-Gras Belag bedeckt und so tritt man weich, wenn man durch die Gänge streift. An dem Bäumchen auf das man beim Eintreten schaut, ist ein kleines Glasrelief angebracht, welches eine Richtungsanweisung anzudeuten scheint, aber keinen konkreten Hinweis gibt, wohin man sich nun wenden soll. Aber in einem Irrgarten -nicht wie in einem Labyrinth, welches schneckenförmig verläuft- gibt es ja nun keinen festgelegten Weg. 9Hält man sich rechts, sieht man einen wilden Rhododendron, der genau wie die anderen zahlreichen Bäume und Büsche angeflogen ist. Bei der nächsten Kreuzung findet sich eine Hainbuche, die so wunderbar in die Rundung hineinwächst, daß sie einer englischen Buchenhecke würdig wäre. Ansonsten mutet hier aber nichts englisch an. Zu wild und zu ungeordnet. Einige Bäume und Büsche haben bizarre Formen angenommen, mache sind mit Efeu berankt oder ineinander verschlungen, wie eine Weide mit einer Fichte, nicht direkt schön zu nennen, aber kurios. 10Dann wieder eine ganze Wand von Weiden, die hier überhaupt sehr zahlreich zu finden sind. Ebenfalls häufig ist die Erle und der Faulbaum, auch sonst gibt es mancherlei Baumarten, wie die Eiche, die Esche, Ahorn, Kastanie, Linde, Birke und verschiedene Nadelbäumen. Bei manchen Gängen wachsen die Zweige oben ineinander, es entstehen Säulengänge aus Blättern und Zweigen, unter denen es recht dunkel ist. Licht und Schatten wechseln sich hier ständig ab. 

11In der Mitte, wo sich Räume herausgebildet haben, fällt die Sonne ungehemmt ein, an anderen Stellen bricht sie nur hier und da durch die Dichte der Wände hindurch. An der rechten Seite wird der Irrgarten von einem, von hohen Bäumen bewachsenen, steilen Hang flankiert. Das hat zur Folge, daß es auch bei Wind ungewöhnlich still ist, auch wenn es in den großen Bäumen rundherum rauscht. Es ist ein geschützter Raum. Ab und an findet sich ein Kunstwerk. Manche Bilder, die Zeichen der Wettereinwirkung zeigen und Glasreliefs, die mit dem Gewirr von Blättern eine Einheit gebildet haben. Im Gegensatz zu den gemähten Wegen herrscht sonst auf dem Boden ein dschungelanmutendes Miteinander von zahllosen Pflanzen und Büschen. Wilde Erdbeeren in großer Zahl, Farnkraut, Buddleja, Gräser aller Art, Vergissmeinnicht, wilde Rosen um nur einige wenige zu nennen. Diese Vielzahl von Pflanzen bietet natürlich auch Lebensraum für Insekten und andere kleine Tiere, nicht zuletzt für Vögel die den Irrgarten bewohnen und seinen paradiesischen Anklang unterstreichen.

 Hat man sich nun verirrt, oder kann man sich hier verirren? Das vielleicht nicht, oder ein wenig. Statt dessen kann man aber wandeln und sich versenken, in die Natur und die Gestalt die sie hier angenommen hat. Und möchte man sich betören lassen, oder möchte man sich dem Zauber hingeben, der hier eine Form gefunden hat, so geht das selbstverständlich auch.

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